Schlagwort-Archive: lüge

Der gefälschte Finger von Varoufakis- was für ein Coup!

Fakeception: Hat Jan Böhmermann den Mittelfinger von Yanis Varoufakis im Video gefälscht oder nicht oder doch? Auf jeden Fall hat er Politik, Medien und Zuschauer so richtig aufgemischt.
Von Fitz van Thom


Als Jan Böhmermann vom NEO MAGAZIN ROYALE im letzten Jahr den müden Ex-Fernsehmeister Stefan Raab auf den Leim gehen ließ, war das schon ein großer, gut gelungener TV-Coup. Hatte er doch mit einfachsten Mitteln einem erfahrenen Showmaster und einer schlecht recherchierenden Redaktion den Spiegel ihrer eigenen Selbstzufriedenheit vor die Nase gehalten- ohne jemanden zu verletzen, bis auf Raabs Produzentenstolz.

Dieses Meisterstück haben Böhmermann und die Fummler der Bild- und Tonfabrik noch einmal getoppt!
Am Ende seines Musikvideos über den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis („V for Varoufakis“) wird ein Ausschnitt gezeigt, der Varoufakis 2013 zeigt, wie er mit gezücktem Mittelfinger und in indirekter Rede: „… stick the finger to germany and say- well, you can now solve this problem by yourself…!“ das Konferenzpublikum in Zagreb unterhielt.
Günther Jauch, der Yanis Varoufakis per Live-Schaltung am Sonntag (15.03.) interviewte, stellte ihn, die obszöne Geste betreffend, zur Rede und Fernsehdeutschland hatte seinen Skandal. Jauchs gesamte Sendung war auf dem Mittelfinger des griechischen Finanzministers aufgebaut und stärkte das Bild vom faulen und auch noch unverschämten Griechen, welches die Zeitung von Minderbemittelten für Minderbemittelte gern mit großen Buchstaben aufgriff und ihre widerliche Anti-Griechenland-Kampagne fortführte. („Der Lügner: Er zeigte uns den Stinkefinger. Und log rotzfrech („gefälscht“), als ihm Günther Jauch die böse Geste im Video präsentierte: BILD-Nachruf auf Athens bekanntesten Selbstzerstörer, Yanis Varoufakis.
Jetzt ist er der Lügen-Grieche. Jeder kann ihn jederzeit darauf reduzieren: „Mister Stinkefinger“.)
Varoufakis selbst nannte das Video „doctored“, gefälscht, was vom wissendem Jauchepublikum mit einem verächtlichen Schmunzeln goutiert wurde und einen ziemlich bescheuerten Gesichtsausdruck bei Jauch hinterließ.

Am Abend des 18.03. ließ Jan Böhmermann dann die Bombe platzen- er behauptete, der Mittelfinger gehöre eigentlich dem Schauspieler Pat Murphy, der Varoufakis schon im Musikvideo dargestellt hatte.
Der Mittelfinger, der über 3 Tage die Europapolitik überschattete, die gelungene Ablenkung in der erpresserischen Europapolitik und Griechenlandbashing wurde hineingetrickst? Von einem dünnen Jungen?

Varoufakis via twitter:

varoufakis twitter

Die Stellungnahme von Jan Böhmermann zum Fake im Fake ist der bisher letzte Akt im „Fingergate“:

Roche & Böhmermann


Roche & Böhmermann, Sendung vom 04.03.2012 (FOTO ® bildundtonfabrik.de)

„Roche & Böhmermann“, Sendung vom 04.03.2012 (FOTO: © bildundtonfabrik.de)

Ich mag Talkshows nicht.
Da werden Themen und Befindlichkeiten behandelt, die, wenn sie mich denn interessieren, meist im Selbstdarstellungszwang der Teilnehmer untergehen.
Wenn ein Musiker/Künstler/Schriftsteller sich so lässig zurücklehnt, wie er es zuhause nicht mal tun würde, nur um mit säuselnder Stimme und derben Platitüden, seine Gehirnfürze als ernstzunehmende Meinung bestmöglich zu verkaufen, geht mir das genauso auf den Senkel, wie ein Provinzpolitiker, der aufgeregt und penetrant das, ihm jahrelang eingetrichterte, Programm seiner Scheißpartei geifernd vor sich hinbetet.
Beide Typen haben eines gemeinsam- sie sind nicht Willens, dem Gegenüber zuzuhören. Ihre Meinung steht atombunkerartig fest- im Beton ihrer Köpfe  verankert und unerschütterlich für jeden noch so klugen Gedanken des möglicherweise dreimal so intelligenten Talkshow-Gegenparts.
Dazu kommt ein völlig abnormaler Zwang der moralischen Prüderie in der Sprache, dass die Boulevardpresse es schon als Wahnsinn verkauft, wenn einer mal „Scheiße“ im Fernsehen sagt. Und das Wissen, dass wenn einer mal die Nerven verliert oder besser, die vorgegebene PR-Linie verlässt und einfach mal sagt, was ihm in den Sinn kommt, die Schere des Redakteurs gnadenlos alles herausschneidet.

Das alles gibt es bei „Roche und Böhmermann“ nicht. Hier reden die Gäste mit- und übereinander. In der Talkshow, die optisch an den Presseclub oder eine Talkshow aus den siebzigern- bis hin zum Retrostyle der Mikrophone und der Raucherlaubnis für Gäste- erinnert, wird höchstens geschnitten, wenn mal zwei Minuten keine derben Worte gesagt werden. Damit soll nicht das Niveau der Sendung runtergespielt, sondern viel mehr aufgezeigt werden, dass man in dieser Sendung- solange man sich nicht selbst, mit einem in der Mitte des Tischs angebrachten Piepknopf zensieren möchte- alles sagen darf.
Die älteren Semester, aber auch jüngere- wie Rapper Sido oder Schauspielerin Anna Fischer beispielsweise- sind oft konsterniert, verunsichert und peinlich berührt, wenn sie sehen, was die Gruppendynamik oder die technischen Spielereien, die Jan Böhmermann und Charlotte Roche einsetzen, anrichten kann. Da werden Gesprächsthemen sehr humorvoll und kritisch behandelt und ab und zu sagt Moderator Böhmermann Sachen wie: „Wir machen da einen Cut und ich frag dich jetzt nochmal und du antwortest anders!“ Dann wird die Sendung, während sie noch läuft, zu einem bestimmten Punkt zurückgespult und wie bei einem wirklichen Filmschnitt wieder angesetzt. Die Gäste sind teils beleidigt, teils belustigt über diese Art- sie bekommen es ja nicht mit, dass der Schnitt im Fernsehen explizit gezeigt wird.
Sido empfand Böhmermann in einer solchen Situation als: „…geisteskrank, ich find du hast ’ne richtige Macke, Alter!“ und als Britt Hagedorn erklärte: „…was hier so geschnippelt wird, bloss weil dir was nicht passt, ist unfassbar…!“ grinste Böhmermann in sich hinein, um dann zwinkernd in die Kamera zu sagen:
„Der Unterschied ist, bei uns, liebe ZDF-Kultur-Zuschauer, haben Sie gesehen, dass geschnitten wurde.“
Und er hatte Britt, die Sendungen wie „Schwer verliebt“ und „Mein Mann kann“ präsentiert, genau da, wo er sie haben wollte- sie merkte es zu diesem Zeitpunkt einfach nur nicht.

Wenn die Sendung vorbei ist, die Gäste gehen und der Talkshowzuschauer denkt: „Ich will jetzt wissen, was die da jetzt noch reden!“ Jan Böhmermann und Charlotte Roche zeigen es uns:
Sie sitzen noch einige Sekunden allein da und bringen die Dramaturgie der Sendung zu einem wundervollen Ende, indem sie- scheinbar privat- eine Art Schlusswort sprechen: „Ich finde es total krass, wie Schauspielerinnen auch privat immer total pathetisch sind!“ sagt Böhmermann über Anna Fischer und ich sage: „Danke!“

Jan Böhmermann, der sich selbst wahlweise als Demenzdorfbürgermeister oder Touristentätowierer bezeichnet, ist allererste Wahl für „Roche & Böhmermann“- schon allein, weil sein Name zur Sendung passt. Seine verschmitzt, intelligente Art, die Gäste kritisch zu hinterfragen, den Faden zu verlieren, nur um dann den Bogen wieder zu schließen ist wohltuend. Egal, ob er zum ersten Mal raucht und trinkt, weil sein Abstinenz-Idol Farin Urlaub die Sendung mit der Begründung absagte, weil „…Rauchern ein Forum gegeben wird…“ oder er sich einfach mal so am Beginn der Sendung eine Viagra einwirft- er tut dies auf sympatische Weise und sein Umgang mit den Gästen ist hart, aber nicht verletzend.

Charlotte Roche ist sowieso… ach, was soll man über Charlotte Roche schreiben, was noch nicht geschrieben wurde. Als sie sich damals bei Viva2 die feuchte Socke vom Drummer  der Sportfreunde Stiller durch ihre- nach eigenen Angaben- stinkende Achsel zog und den Strumpf zum Preis für ein Gewinnspiel erkor, da fand ich das einerseits ekelig, auf der anderen Seite hätte ich sie damals vom Fleck weg geheiratet, weil mich ihre untussenhafte, natürliche und ehrliche Art sofort in den Bann zog. Ihre Internet-Sendung „Wahrheit oder Pflicht“ in der die Beteiligten ähnlich wie bei „Roche & Böhmermann“völlig frei plaudernd in einer Runde saßen oder Aufgaben wie gemeinsam pinkeln und wahrheitsgemäß auf persönlich schwierige Fragen zu antworten, gab dem Zuschauer das Gefühl, mit in der Runde zu sitzen oder sitzen zu wollen. Das sollte das Ziel jeder Talkshow sein. Außer dem pinkeln.
Sie hat einen anderen geheiratet, damit muss ich mich abfinden, das gehört nur zu einer weiteren Reihe an Dingen, die ich mir für mein Leben vorgenommen hatte und die dann in die Binsen gegangen sind, wie die Sache mit dem Mond und so.
Nichtsdestotrotz wäre ich gern einmal Gast in dieser Sendung und sei es nur, um über mein aktuelles Drehbuch zu sprechen oder mit Jan und Charlotte einen Singlemalt zu trinken, weil die Atmosphäre von „Roche und Böhmermann“ einfach herzlich, erfrischend, lustig und ehrlich rüberkommt.
Nächstes Jahr- Grimmepreis!                                                                                        FvT

„ROCHE & BÖHMERMANN“
Gesprächsrunde mit Charlotte Roche und Jan Böhmermann

Jetzt in der Mediathek ansehen  „R&B“-Homepage   Bildundtonfabrik.de